Verwirrung um Vitamin E als Antioxidans – alle Studien nutzlos?
24. September 2007
Das vor allem in Getreideprodukten, Nüssen, Samen und Pflanzenölen vorkommende Vitamin E (Tocopherole) ist ein Liebkind der Pharmaindustrie. Dem billig herzustellenden Verkaufsschlager werden eine Vielzahl von Wirkungen auf den menschlichen Körper nachgesagt. So gilt das fettlösliche Vitamin E als potentes Antioxidans und sog. Antisterilitätsvitamin, es soll vor Herzinfarkt, Krebs, Alzheimer, Bluthochdruck, Zellalterung (Anti-Aging) schützen, die Durchblutung fördern und Gefäßablagerungen verhindern. Bisher konnte jedoch keine dieser Wirkungen eindeutig bewiesen werden, denn die Studienlandschaft bietet – wenn überhaupt seriöse Arbeiten zu den einzelnen Wirkungen zu finden sind – eher uneinheitliche und letztlich kaum verwertbare Ergebnisse.
Neben den wissenschaftlichen Studien weisen auch die Dosierungsempfehlungen zu Vitamin E eine hohe Diskrepanz auf. So reichen die Empfehlungen von 12 mg (=18 IE) der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) bis zu 400-800 IE (=Internationale Einheiten) des renommierten Berkeley Instituts. Das Bundesinstitut für Risikobewertung schätzt den sicheren Bereich für Vitamin E auf 36 mg Alpha-Tocopherol-Äquivalent, das entspricht 54 IE Vitamin E täglich. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2005 stellte eine erhöhte Sterblichkeitsrate ab einer Supplementierung von mehr als 400 IE Vitamin E fest (Miller et. al., 2005). Zu beachten ist weiters, dass es Unterschiede in der Aufnahme von normalem und künstlich hergestelltem Vitamin E gibt und eine Supplementation von Vitamin E ohne fettreiche Mahlzeit im Vorfeld wenig zielführend ist, da in diesem Fall kaum eine Resorption dieses fettlöslichen Vitamins stattfindet.
Entsprechend den vorherrschenden Empfehlungen zur Dosierung wurden die meisten Studien zu Vitamin E mit Supplementierungsmengen von bis zu 400 IE täglich durchgeführt. Die am besten untersuchte Wirkung der Tocopherole ist die antioxidative Kapazität. Durch diese Fähigkeit sollen freie Radikale davon abgehalten werden, Zellen zu schädigen und damit Krankheiten wie Arteriosklerose, Entzündungen oder Bluthochdruck den Weg zu ebnen. Einige Studien zeigten eine Reduktion des kardiovaskulären Risikos, andere wiederum lieferten kein entsprechendes Ergebnis.
Eine aktuell erschienene Publikation könnte jetzt eine mögliche Ursache für die uneinheitlichen Ergebnisse liefern. Den Wissenschaftlern zufolge sei nämlich eine antioxidative Wirkung von Vitamin E erst ab Mengen von 1600 bis 3200 IE täglich – also das 4 bis 8fache der bisher verwendeten Dosen – festzustellen gewesen. Diese Mengen Vitamin E können weder mit der normalen Ernährung aufgenommen werden, noch liegen ausreichend Daten vor, um die Zufuhr als nicht gesundheitsschädlich zu deklarieren (das Institute of Medicine gibt die maximal tolerierbare Menge mit 1000 IE Vitamin E täglich an).
Einer der führenden Experten zum Thema Antioxidantien, Prof. Dr. Frei (Universität von Oregon), übte harsche Kritik an den bisher durchgeführten Vitamin E-Studien. In den meisten dieser Studien würde die antioxidative Potenz nur indirekt über die Reduktion des kardiovaskulären Risikos (z.B. des Herzinfarktrisikos) gemessen werden und nicht direkt über den oxidativen Stress (beispielsweise mit Isoprostan, einem Biomarker für die Aktivität freier Radikale). Das sei, als würde man ein Blutdruckmedikament untersuchen und dabei den Blutdruck nicht messen.
Zusammenfassend sind die bisher zum Zweck der Abpufferung freier Radikale (=antioxidative Wirkung) eingenommenen Mengen von Vitamin E viel zu gering, um eine Wirkung entfalten zu können. Da die dafür nötigen Mengen von 1600 bis 3200 IE/Tag jedoch außerhalb des tolerierbaren Dosisbereichs liegen, sind umfassende (Langzeit-)Studien nötig. Diese sollten vor allem an Patienten mit meßbarem oxidativem Streß durchgeführt werden. Letztlich ist die antioxidative Wirksamkeit von Vitamin E Supplementen beim Menschen erst noch zu beweisen. Die Industrie wird’s wenig kümmern, sie wird ihren lukrativen Blindflug weiter fortsetzen.
Roberts LJ, Oates JA, Linton MF, Fazio S, Meador BP, Gross MD, Shyr Y, Morrow JD. The relationship between dose of vitamin E and suppression of oxidative stress in humans. Free Radical Biology and Medicine, available online 4 July 2007.
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