Supplementewahnsinn in Amerika
03. Oktober 2007
Die USA scheint seine Rolle als Land der Gegensätze immer mehr zu bestätigen. So kann man etwa Schusswaffen frei kaufen, während von riesigen Plakatwänden »The Lord is with you« herunterprangert. Genauso bewegt sich laut einer aktuellen Studie der Konsum von (vermeintlich gesunden) Nahrungsergänzungsmitteln (Supplementen) bei Kindern in ungeahnten Sphären, während kaum ein Land einen derart ungesunden Lebensstil vorweisen kann. Erstaunlicherweise beginnt die Supplementation von Vitaminen, Mineralstoffen oder Omega-3 Fettsäuren bereits im Säuglingsalter.
Obwohl die optimale Versorgung des Körpers am besten über eine ausgewogene Ernährung erreicht wird, nehmen 57 % der weiblichen und 47 % der männlichen Amerikaner regelmäßig Supplemente zu sich. Die gezielte Zufuhr einzelner Nährstoffe ist jedoch nur bei Vorhandensein bestimmter Krankheiten bzw. Risikofaktoren oder extremen Belastungen erforderlich – sowohl beim Erwachsenen als auch beim Kind.
Eine Gruppe von Wissenschaftlern rund um Dr. Mary Frances Picciano untersuchte die Daten von 10136 Kindern (<18 Jahre) im Rahmen des National Health and Nutrition Examination Survey und fand folgendes heraus:
- 31,8 % haben innerhalb der vorangegangenen 30 Tage vor der Untersuchung Supplemente zu sich genommen. Davon waren beachtliche 11,9 % Säuglinge (<1 Jahr), 38,4 % Kleinkinder (1-3 Jahre), 40,6 % Kinder im Alter zwischen 4-8 Jahren, 28,9 % Kinder zwischen 9-13 Jahren und 25,7 % Teenager (14-18 Jahre).
- Mehr Weiße (38,3 %) und Mexikaner (22,4 %) als Schwarze (18,8 %) benutzen Supplemente. Zwischen den Geschlechtern gab es keine Unterschiede.
- Die häufigsten Supplemente waren Multivitamine und Multimineralstoffe mit 18,3 %, gefolgt von einzelnen Vitaminen (4,2 %), einzelnen Mineralstoffen (2,4 %) und pflanzlichen Nahrungsergänzungsmitteln (0,8 %).
- Am beliebtesten waren Vitamin C (28,6 %), Vitamin A (25,8 %), Vitamin D (25,6 %), Calcium (21,1 %) und Eisen (19,3 %).
- Kinder, die in den letzten 30 Tagen Supplemente zu sich genommen haben, taten dies regelmäßig. Mehr als 50 % davon nahmen das entsprechende Nahrungsergänzungsmittel im letzten Monat mehr als 30 Mal und über 60 % konsumierten die Supplemente bereits seit mindestens einem Jahr.
- Der Konsum von Supplementen korrelierte mit einem höheren Familieneinkommen, rauchfreier Umgebung, niedrigem BMI und geringeren Zeiten vor dem Fernseher, Computer oder Videokonsolen.
- Untergewichtige Kinder oder Kinder mit drohendem Untergewicht wiesen die höchste Wahrscheinlichkeit für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln auf.
Demnach nehmen etwa ein Drittel aller amerikanischen Kinder regelmäßig Supplemente zu sich. Im Alter von fünf Jahren sind es sogar die Hälfte aller Kinder. Vor allem in gut situierten Familien scheint die Verabreichung von Nahrungsergänzungsmitteln gang und gäbe zu sein. Dies kann einerseits vermehrtes Gesundheitsbewußtsein in besagter Bevölkerungsgruppe ausdrücken, andererseits können mit Supplementen nahrungstechnische Mängel, z. B. durch beruflich bedingte Vernachlässigung des Familienlebens, schnell und einfach kompensiert werden. Die Verabreichung von Pillen erscheint in diesem Licht vielmehr als elegante Variante der Gewissensberuhigung für die Eltern, denn eine durchdachte Ernährungserziehung der Kinder kostet sehr viel mehr Zeit, Aufwand und Mühe. Wäre es nicht am einfachsten, schon die Hamburger mit Vitaminen und Minerstoffen anzureichern?
Picciano MF, Dwyer JT, Radimer KL, Wilson DH, Fisher KD, Thomas PR, Yetley EA, Moshfegh AJ, Levy PS, Nielsen SJ, Marriott BM. Dietary supplement use among infants, children, and adolescents in the United States, 1999-2002. Arch Pediatr Adolesc Med. 2007 Oct;161(10):978-85.
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Am 8. Oktober 2007 um 11:17 Uhr
»In the year 4545 … you won’t find a thing to chew …«
Es ist zwar noch ein langer Weg bis zu den Ernährungsdystopien einiger Science-Fiction-Geschichten, in denen die Menschheit sich ausschließlich von undefinierbaren synthetischen Pampen ernährt – aber die Vorbereitungen für diese Zeit laufen offenbar bereits auf Hochtouren.
Interessant ist, dass der Supplementkonsum abnimmt, sobald die Kinder sich auswärts ernähren können bzw. müssen. Das unterstreicht noch einmal, wie immens wichtig es ist, Kindern eine selbstständige gesunde Ernährung anzuerziehen (die bekanntlich ohnehin nicht durch Supplemente ersetz- sondern höchstens ergänzbar ist). Sobald die Kinder aus dem Haus sind, bleiben die schlechten Ernährungsgewohnheiten erhalten, aber die Versorgung mit Nahrungsergänzungen durch die Eltern fällt weg.
Am 5. November 2007 um 18:24 Uhr
Ich weiß auch nicht mehr was ich darüber denken soll. Folgende Dinge habe ich gehört:
1. Obst und Gemüse enthalten heutzutage nur einen kleinen Bruchteil der Vitamine, den sie vor einigen Jahrzehnten enthielten. Man müsste heute also viele Kilo Äpfel essen (was man ja gar nicht kann) um die gleiche Menge an Vitamine zu bekommen, die in Äpfeln früher drin war. Woher also Vitamine nehmen? Das spräche für Nahrungsergänzungen bei Kindern.
2. Ich habe gehört, dass künstliche Vitamine vom Körper nicht richtig aufgenommen werden können und in größeren Mengen auch Schaden anrichten können. Ich las, dass die Vitamine in eine natürliche Balaststoffumgebung (also Frucht) eingebettet sein müssen um vom Körper aufgenommen werden zu können. Das spräche gegen künstliche Vitamine.
Was stimmt? Studien widersprechen sich, jeder sagt was anderes.
Am 11. November 2007 um 19:06 Uhr
@Gesundheit für Kinder:
Obst und Gemüse sind immer noch die besten Quellen für Vitamine. Wie Sie schon ganz richtig geschrieben haben, ist ein Vitamin nicht einfach ein Vitamin. Es entfaltet seine Wirkung am Besten in Kombination mit den unzähligen anderen Stoffen, die beispielsweise in einem Apfel enthalten sind. Auch wenn es die Industrie nicht zugeben mag ist die Wirkung von Multivitamintabletten und All-In-One Pillen keineswegs eindeutig nachgewiesen oder unumstritten. Dazu kommt noch Einfluss des Konzentrationsverhältnisses der einzelnen Stoffe zueinander. Beispiel Omega-Fettsäuren: Erst ein optimales Verhältnis von Omega 3 und Omega 6 wirkt gesundheitsförderlich, andernfalls kann sogar das Gegenteil der Fall sein. Leider ist das Forschungsgebiet der Nahrungsmittelinteraktionen noch sehr jung und wird nahezu stiefmütterlich behandelt. Wohl nicht zuletzt aus Angst, die Büchse der Pandora zu öffnen.
Nicht zu vergessen ist auch die zunehmende Bedeutung der Flavonoide, die ala long die Vitamine in ihrem Bekanntheitsgrad einholen und letztlich »ablösen« werden. Auch sie kommen reichhaltig in Obst und Gemüse vor. Zu Flavonoiden gibts übrigens auf enutrio eine Menge zu lesen, einfach mal das Keyword suchen.
Will man auf Nummer sicher gehen, soll man auf das zurückgreifen, was einem die Natur seit Jahrtausenden zur Verfügung stellt.
Am 23. Mai 2010 um 00:54 Uhr
Ich muss ganz entschieden dem beitrag von docmed zustimmen!