Myostatin fördert Diabetes
15. Februar 2010
Die ungünstige Kombination aus viel Fett und wenig Muskelmasse, wie sie bei übergewichtigen Menschen auftritt, ist ein wesentlicher Risikofaktor für die Entwicklung von Diabetes mellitus. Die Komplikationen der Zuckerkrankheit entstehen aus den exorbitant hohen Konzentrationen von Glucose im Blut. Üblichweise wird diese Glucose aus dem Blut in die Muskelzellen aufgenommen und dort gespeichert oder verbraucht. Je mehr Muskelmasse jemand also aufweisen kann, desto höher ist sein Energie- und damit Zuckerverbrauch. Ein Ziel eines jeden Diabetikers sollte es deshalb sein, so viel Muskelmasse wie nur möglich aufzubauen. Doch gerade Menschen mit Übergewicht tun sich bei diesem Vorhaben trotz großem Einsatz sehr schwer. Eine Forschergruppe aus Calgary fand jetzt eine mögliche Ursache dafür: Extremes Übergewicht fördert die Produktion von Myostatin!
Myostatin wird in den Muskelzellen gebildet und reguliert dort das Muskelwachstum. Je mehr Myostatin vorhanden ist, desto stärker wird das Muskelwachstum gehemmt. Aus diesem Grund wird Myostatin immer wieder mit Gendoping in Zusammenhang gebracht. Dabei wird versucht, die Wirkung von Myostatin aufzuheben (sog. Myostatin-Blocker) und dadurch ungehemmtes Muskelwachstum zu erreichen. Neben dem Sport spielt diese Thematik in der Viehzucht, aber auch in der Medizin (bei muskeldegenerativen Erkrankungen) eine große Rolle. Offiziell zugelassene Medikamente gibt es aktuell nicht, lediglich wirkungslose Supplemente aus dem Bodybuilding- und Fitnessbereich verführen ahnungslose Käufer mit vielversprechenden Werbetexten.
Eine Forschergruppe um Dustin Hittel fand nun heraus, dass extrem übergewichtige (BMI 48,8 ± 15 kg/m2) im Vergleich zu schlanken Menschen eine höhere Myostatinkonzentration aufweisen. Die mögliche Ursache dafür ist schnell gefunden: Da beim Diabetiker die Aufnahme des Zuckers in die Zellen gestört ist, befindet sich der Muskel in einem ständigen Zustand der vermeintlichen »Unterversorgung«. Evolutionär bedingt versucht der Körper im Hungerzustand seine Muskulatur als einen seiner Hauptenergieverbraucher weitgehend zu reduzieren, um das Kaloriendefizit zu verkleinern. Dies geschieht, indem die Myostatin-Produktion angekurbelt wird.
Ironischerweise wird das Übergewicht und der damit einhergehende Diabetes mellitus unter anderem genau deshalb vorangetrieben, weil der Körper denkt er müsse hungern. Aussichtslos ist die Situation aber dennoch nicht: Eine ausgewogene Kombination aus Sport und angepasster Ernährung durchbricht den Teufelskreis mit Sicherheit. Krankheitseinsicht und die nötige Motivation sind jedoch, wie in allen Bereichen des Lebens, zwingende Voraussetzung.
Hittel DS, Berggren JR, Shearer J, Boyle K, Houmard JA. Increased secretion and expression of myostatin in skeletal muscle from extremely obese women. Diabetes. 2009 Jan;58(1):30-8. Epub 2008 Oct 3