Kartoffeln, Phytonährstoffe und Kukoamine

09. Oktober 2007

Flavonoide, Phytonährstoffe, KukoamineKartoffeln werden üblicherweise nicht mit Vitaminen, Flavonoiden, Phytonährstoffen oder anderen gesundheitsförderlichen Substanzen in Verbindung gebracht. Vielmehr wird besagte Knolle mit einer billigen, wohlschmeckenden und kohlenhydratreichen Nahrungsquelle. In Amerika zählt das Nachtschattengewächs in seinen variantenreichen Darbietungsformen zu den beliebtesten Gemüsearten – allerdings vorwiegend in Form von Pommes frites und Chips. Europa hinkt dieser Entwicklung etwas nach, so wird die vor 100 Jahren täglich in Deutschland konsumierte Menge von knapp einem Kilo längst nicht mehr erreicht. Das könnte sich als großer Fehler entpuppen, wie eine aktuelle Studie des amerikanischen Agricultural Research Service (ARS) beweist.

Geschichte der Kartoffel

Seit Jahrtausenden ist die Kartoffel in den Anden bekannt. Bereits bei den Inkas erlebte der Anbau der Kartoffeln einen ersten Höhepunkt und noch heute bearbeiten peruanische Bauern die Knollenfrüchte nach uralter Tradition. Nach Europa kam die Kartoffel zunächst als exotisches Mitbringsel spanischer Eroberer. Dabei landete das Gewächs statt im Kochtopf zunächst als Attraktion in den botanischen Gärten. Im Gegensatz zu heute galt die Kartoffel damals sogar als giftig. Das änderte sich erst im 17. Jahrhundert, als das Nachtschattengewächs erstmals in Irland als Nahrungsmittel angebaut wurde. Seinen Siegeszug beschritt die anspruchslose Pflanze schließlich im Rahmen von Kriegen und Hungersnöten.

Was sind Phytonährstoffe

Immer wieder schnappt man in den Medien den Begriff Phytonährstoffe – oder Phytochemicals, wie man im englischen Sprachraum sagt – auf. Doch kaum jemand weiß eigentlich genau, was man unter diesem Begriff versteht.

Definitionsgemäß sind Phytonährstoffe gesundheitsförderliche Substanzen ohne Nährwert, die in Pflanzen vorkommen. Über antioxidative, immunfördernde, gerinnungshemmende und eine Reihe weiterer Effekte wirken sie den wichtigsten Todesursachen wie Krebs, Diabetes mellitus und Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems entgegen. Zur umfassenden Gruppe der Phytonährstoffe gehören:

  • Flavonoide
  • Pflanzensterole und
  • Schwefelbestandteile der Pflanzen

Phytonährstoffe findet man vor allem in Gemüse und Früchten. Schätzungen zufolge lassen sich in einer Portion Gemüse mehr als 100 der besagten Gesundheitsbooster nachweisen.

Pflanzensterole (Polyphenole, Phytosterole) ähneln in ihrem chemischen Aufbau dem menschlichen Cholesterin – und genau dort entfalten sich auch ihre hauptsächliche Wirkung. Pflanzensterole wie Sitosterol, Stigmasterol und Campesterol zeigten in einer Reihe von Studien, dass sie äußerst positive Wirkungen auf die Blutfette ausüben können. Dadurch können Krankheiten wie Gefäßverkalkung und in weiterer Folge Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindert bzw. verzögert werden. Phytosterole kommen vor allem in fettreichen Pflanzen wie Nüssen, Sonnenblumenkernen oder Soja vor.

Das Wissen über Flavonoide füllt mittlerweile Bücher. Man unterteilt diese sekundären Pflanzenstoffe in eine Vielzahl von Untergruppen (Flavanole, Flavonole, Flavone, Flavanone, Flavononole, Isoflavonoide und Anthocyane), die wiederum aus zungenbrecherisch klingenden Substanzen wie Catechin, Epicatechin, Quercetin usw. bestehen. Flavonoide entfalten ihre gesundheitsförderliche Wirkung vorwiegend über ihre starke antioxidative Kapazität (=Neutralisierung von hochreaktiven freien Radikalen im menschlichen Körper). Desweiteren beeinflussen sie die Blutgerinnung, senken den Blutdruck, hemmen die Entstehung von Krebs und Atherosklerose, helfen bei Asthma bronchiale und verbessern das Langzeitgedächtnis. Noch wurden die Flavonoide von der Industrie nicht entdeckt worden, aber spätestens mit einer ausgereiften synthetischen Herstellungsmöglichkeit könnten diese Substanzen die Vitamine in ihrer kommerziellen Vermarktung ablösen.
Hier kann man die aktuellsten Studien zu Flavonoiden nachlesen.

Pflanzliche Schwefelverbindungen findet man vor allem in Knoblauch, Zwiebeln und Lauch. Knoblauch wird als prominentestem Vertreter eine cholesterinsenkende Wirkung nachgesagt (Wirkstoff: Allicin). Die aktuelle Studienlage dazu ist allerdings nicht mehr so eindeutig, wie sie einmal zu sein schien (enutrio berichtete: link). Außerdem soll Knoblauch die Blutgerinnung beeinflussen und Atherosklerose verhindern.

Kartoffeln und Phytonährstoffe

Eine Forschergruppe untersuchte den Gehalt von Phytonährstoffen in Kartoffeln mittels Hochleistungsflüssigkeitchromatographie (HPLC). Dabei wurden über hundert verschiedene kultivierte und wilde Kartoffelsorten exploriert. Die Forscher fanden mehr als sechzig verschiedene Phytonährstoffe und Vitamine in den Kartoffeln. Darunter Vitamin C, Folsäure, Polyphenole, Flavonoide und Kukoamine. Letztgenannte Wirkstoffgruppe war lange Zeit ausschließlich als Bestandteil einer exotischen Pflanze names Lycium chinense bekannt und fand in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) Anwendung. Im Jahr 2005 wurden die blutdrucksenkenden Kukoamine auch in herkömmlichen Kartoffeln nachgewiesen. Die Wissenschaftler rund um Dr. Navarre konnten nun mit ihren verfeinerten Untersuchungsmethoden fünf verschiedene Kukoamine in Kartoffeln identifizieren.

Die Studie zeigte allerdings auch, dass Kartoffel nicht gleich Kartoffel ist. So ist beispielsweise der Gehalt an Flavonoiden in manchen Kartoffelsorten um das 30fache und der Gehalt an Polyphenolen um das 7fache höher als in anderen Sorten. Leider findet sich in der frei verfügbaren Version der Studie keine Auflistung der entsprechenden Werte.

Den steigenden Stellenwert von Flavonoiden veranschaulicht eine mehr als eine Millionen Dollar umfassende Förderung des amerikanischen Verteidigungsministeriums zur Erforschung von Quercetin. Besagter Wirkstoff soll das Immunsystem der Soldaten stärken. Obwohl der relative Quercetin-Gehalt in Kartoffeln niedriger ist als in seiner ergiebigsten Quelle, roten Zwiebeln, werden in Summe natürlich mehr Kartoffeln als Zwiebeln gegessen und somit auch mehr Quercetin auf diesem Weg zugeführt. Möglicherweise werden im Rahmen von zukünftigen Untersuchungen Kartoffelsorten gefunden, die einen außergewöhnlich hohen Gehalt an diesem Flavonoid aufweisen.

Navarre DA, Brown CR. Phytochemical Profilers Investigate Potato Benefits. Agricultural Research magazine, September 2007.

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4 Reaktionen zu “Kartoffeln, Phytonährstoffe und Kukoamine”

  1. ilpadre

    Na, das sind doch endlich einmal Ausgaben im Verteidigungshaushalt, die der Menschheit dienen! ;)

    Nicht nur für das Auge angenehm sind übrigens bunte Kartoffelsorten, die seit einiger Zeit (zumindest meinem Eindruck nach, aber vielleicht ist das auch eine etwas selektive Wahrnehmung) in der Gastronomie zunehmend zum Trend werden. Diese farbigen Züchtungen enthalten besonders viele Flavonoide.

    Noch ein Artikel zum selben Thema auf Englisch:
    http://findarticles.com/p/arti....._n19520436

  2. ilpadre

    Ich merke jetzt erst, dass das der Originalartikel ist. Ist wohl schon etwas spät…

  3. DocMed

    @ilpadre:
    »spät« ist relativ…der artikel erschien vor etwa einem monat. ;)

  4. ilpadre

    Ich meinte die Uhrzeit, zu der ich meinen Kommentar verfasst habe. :)

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