Je wirksamer die Diätpille desto ungesunder der Lebensstil

19. Juni 2007

Fördert Alli ungesunden Lebensstil?Die am 15. Juni vollzogene Freigabe des bisher rezeptpflichtigen Wirkstoffes Orlistat in Form des Medikaments alli gibt regen Anlass zu Diskussionen. Vor allem die von Glaxo Smith Kline breit angelegte Werbkampagne für alli schlägt Wellen der Empörung. alli mache es den Menschen zu »bequem« abzunehmen, die potente Wirkung und die Nebenwirkungen von alli würden zu sehr verharmlost. Diese und noch mehr der Vorwürfe aus den Reihen der Kritiker hat nun eine Forschergruppe aus den USA zu objektivieren versucht.

Üblicherweise ändern Menschen bei der Diagnose Übergewicht oder damit assoziierten Erkrankungen nicht von einem Tag auf den anderen ihre Lebensgewohnheiten. Die zum dauerhaften Abnehmen notwendige Lebensstilmodifikation fordert den Betroffenen einiges an Engagement und Eigeninitiative ab. Viel einfacher gestaltet sich der Weg des Abnehmens mit Medikamenten. Diese könnten gemütlich geschluckt werden und würden keine weiteren (lästigen) Maßnahmen benötigen.

In der Tat würden Menschen, die sogenannte Diätpillen wie alli oder Xenical einnähmen, eher dazu neigen, ihre schlechten Lebensgewohnheiten beizubehalten. Das fand eine im Journal of Consumer Research veröffentlichte Studie heraus. So würde etwa Junk Food weiterhin gern gegessen und sportliche Betätigung sei höchstens im Fernsehen interessant. Selbst hochgebildete Menschen, die um die Wichtigkeit einer Lebensstilmodifikation wüssten, seien nicht vor diesem Boomerang-Effekt gefeit.

Für diese Verhaltensweise gäbe es laut den durchführenden Wissenschafltern zwei Gründe. Erstens würde das Wissen um die Wirksamkeit der Medikamente die Motivation, einen gesünderen Lebensstil einzuschlagen, unterminieren. Zweitens würden Medikamente wie alli den Glauben der Menschen in die eigene Fähigkeit, aus eigener Kraft abzunehmen, schwächen.

Interessanterweise konnte in einer Reihe von Experimenten gezeigt werden, dass Supplemente diese Wirkungen auf das menschliche Verhalten nicht aufwiesen. Unabhängig von der wirklichen Effektivität werden Supplemente großteils mit einer zusätzlichen Ernährungsmodifikation oder Sport in Verbindung gebracht. Die Ursache scheint darin zu liegen, dass Supplemente generell als weniger effektiv angesehen werden und deshalb nur einen geringen Anteil am Prozess des Abnehmens ausmachen würden.

Genau diesen Umstand macht sich Glaxo Smith Kline zu nutze. Der Pharmakonzern betont in seiner Werbung immer wieder die Rolle der Ernährungsmodifikation und sportlichen Betätigung in Kombination mit der Einnahme von alli. Dadurch wolle man die eigentliche Wirksamkeit von alli gezielt herunterspielen und nicht – wie sonst üblich – als ultimative Fett-Weg-Pille vermarkten. Man erhoffe sich durch diese ungewöhnliche Werbetaktik einerseits eine »Erziehung« des Konsumenten in Richtung Lebensstilmodifikation (mit medikamentöser Unterstützung), andererseits wolle man damit den sogenannten Boomerang-Effekt vermeiden und das Image von alli stärken. So die Meinung von Prof. Reed, einem teilnehmenden Wissenschaftler an der Studie.

Lisa E. Bolton, Americus Reed, II, Kevin G. Volpp, and Katrina Armstrong. How Does Drug and Supplement Marketing Affect a Healthy Lifestyle. Journal of Consumer Research: 35:2.

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Eine Reaktion zu “Je wirksamer die Diätpille desto ungesunder der Lebensstil”

  1. Artikel schreiben – Motivation durch Schmerzen | 1manfactory.com - Blog of Jürgen Schulze

    […] Ein Anreiz kann auch das vermeiden negativer Effekte sein. In Anlehnung an die Forschungsergebnisse von Dr. Kevin Volpp (www.enutrio.de, medininca-de.blogspot.com, www.samuzmedia.info) habe ich meine eigene Technik entwickelt. Ich belohne mich, indem ich mich nicht bestrafe. Dazu schreibe ich immer zur selben Zeit (9.00 – 10.00 Uhr) nach dem Frühstück. Ich setze mir ein ziel von 500 Worten zu meinem Thema des Tages. […]

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