Entstehung von Übergewicht bei Kindern
01. Juli 2007
»Ein Löffelchen für Mama, eins für Papa und noch eins für Oma«, wer kennt diese Floskeln nicht? In kaum einer Familie wird nicht während des Essens auf die Kinder eingeredet. »Iss das Teller leer, iss nicht so hastig, iss mehr Gemüse«, so oder ähnlich ertönt es täglich an den Esstischen dieser Welt. Dabei ist der Einfluss der Eltern auf das Essverhalten ihrer Kinder unbestritten. Einige Studien fanden beispielsweise heraus, dass die Häufigkeit der gemeinsamen Mahlzeiten oft mit dem Konsum gesunder Nahrungsmittel korreliert (Neumark-Sztainer, 2003). D.h. je häufiger eine Familie zusammen isst, desto gesünder sind üblichweise auch die verzehrten Lebensmittel. Eine andere Studie lieferte Hinweise, dass unstrukturierte Essgewohnheiten der Famiie oft von Fernsehen während des Essens (Videon, 2003) und Konsum von Nahrungsmitteln mit hohem Zucker- und Fettanteil (Coon, 2001) begleitet werden. Da die Anzahl der Kinder mit Übergewicht und falscher Ernährung ständig im Steigen begriffen ist, hat sich die Forschung in den letzten Jahren vermehrt auf diesen brisanten Themenbereich konzentriert. Doch von einer Lösung des Problems ist die Wissenschaft noch weit entfernt. Es sind noch viele Fragen über die Auswirkungen der frühkindlichen Esserziehung auf das spätere Essverhalten und die Entwicklung von Übergewicht im Kindes- und Jugendalter offen.
Eine aktuelle Studie aus den USA betrachtete nun das Essverhalten von Kindern im Kindergartenalter im Rahmen ihrer familiären Mahlzeiten. Ziel der Untersuchung war es, die Essstruktur in den Familien zu beobachten, die Strategien der Eltern zu identifizieren, mit denen sie das Essverhalten ihrer Kinder beeinflussen, und letztlich Zusammenhänge mit dem sozialen Stand der Familien herzustellen.
Dazu wurden die gemeinsamen Mahlzeiten von 142 Familien mit unterschiedlichem sozialen Status beobachtet. Es zeigte sich, dass 85% der Eltern ihre Sprößlinge dazu bewegen wollten mehr zu essen. Das gelang ihnen zum Großteil auch, denn 83% der Kinder folgten diesem Aufruf. Dabei war das Geschlecht der Kinder egal. Mädchen und Jungen wurden gleich oft zum Essen aufgefordert. Es spielte auch keine Rolle, ob ein oder zwei Elternteile während des Essens anwesend waren. Umgekehrt wurde den Kindern nur äußerst selten Einhalt beim Essen geboten.
Die Vorgehensweise, um die Kinder zum Essen zu bewegen, variierte mit dem sozialen Status der Familien. Eltern mit hohem sozialen Status nutzten Argumentation, Lob und Belohnungen signifikant häufiger als Familien mit niedrigem sozialen Status. Auch Mütter und Väter zeigten eine unterschiedliche Herangehensweise: Mütter lobten ihren Kinder am liebsten, Väter übten stattdessen lieber Druck aus.
Die Forscher konnten neun verschiedene Taktiken identifizieren, wie Eltern Einfluss auf ihre Kinder beim Essen nahmen:
- Neutrale Bemerkungen: Die Eltern teilen dem Kind in ganz sachlichem Tonfall mit, es solle weiter essen. Keine Erklärungen, keine Versprechungen oder Drohungen. Beispiel: »Vergiss nicht deine Mahlzeit zu essen«.
- Druck: Schroffer Tonfall. Die Eltern schimpfen und drohen dem Kind, schreien gegebenenfalls. Beispiel: »Wenn ich sage du sollst essen, dann isst du!«
- Argumentation: Die Eltern begründen ihre Meinung, lassen die Entscheidung jedoch dem Kind über. Beispiel: »Möchtest du noch Gemüse? Ich habe es extra so zubereitet, wie du’s am liebsten magst«.
- Belohnung mit Lebensmitteln: Die Eltern bestechen ihr Kind mit Nahrungsmitteln, die es besonders gern hat. Beispiel: »Wenn du noch drei Bissen isst, bekommst du danach ein Eis«.
- Belohnung mit Privilegien: Beispiel: »Wenn du brav ißt, darfst du danach Fernsehen«.
- Lob: Beispiel: »Du hast alles gegessen? Wie brav! Toll!«
- Kontrolle der Portionen: Die Eltern bestimmen, wieviel von einem bestimmten Nahrungsmittel die Kinder essen. Beispiel: »Keine Pommes mehr!«.
- Drohung, bestimmte Speisen zu verweigern: Die Eltern drohen damit, ein besonders begehrtes Lebensmittel zu verweigern, wenn das Kind nicht isst. Beispiel: »Wenn du nicht aufisst, gibts keine Schokolade!«.
- Drohung, bestimmte Privilegien zu verweigern: Beispiel: »Wenn du nicht aufisst, darfst du nicht radfahren«.
Die Studie brachte noch eine Reihe weiterer interessanter Fakten zutage. So waren die Eltern im Schnitt nur in 86% beim Essen ihrer Kinder anwesend. 74% der Eltern aßen mit ihren Kindern an einem Tisch in der Küche bzw. dem Esszimmer. Ganze 20% der Kinder durften während des Essens fernsehen und 38% spielten oder führten sonstige Aktivitäten aus. In Familien mit niedrigem sozialen Status waren diese Zahlen noch viel ausgeprägter. Die Kinder dieser Bevölkerungsgruppe durften wesentlich häufiger fernsehen, haben viel seltener gemeinsam gegessen und nutzten weniger oft Küche oder Esszimmer für die Mahlzeiten.
Es scheint, dass viele Eltern ihre Kinder dazu erziehen, über ihr angeborenes Sättigungsgefühl hinaus zu essen. In Anbetracht und Kombination mit unserem zunehmend sitzenden Lebensstil wirken diese Ergebnisse alarmierend. Es bleibt die Frage, warum Eltern überhaupt dazu tendieren, ihre Kinder immer weiter zum Essen anzutreiben? Wahrscheinlich sind sie schlichtweg darüber besorgt, ihre Kinder könnten zu wenig Nährstoffe bekommen. Manche Forscher meinen wiederum, die Eltern würden sich im Rahmen des sozialen Umfelds dazu genötigt fühlen («Die anderen Kinder essen auch soviel«).
Die Studienautoren gaben den Eltern einige Empfehlungen mit auf den Weg, die sie in Kombination mit bestehenden Studien (Fox, 2006) und eigenen Erfahrungen erstellten:
- Kinder können ihren Energie- und Kalorienbedarf von Natur aus selber einschätzen. Sie besitzen für diesen Zweck ein ausgeprägtes Hunger- und Sättigungsgefühl.
- Die Beeinflussung dieser Mechanismen von außen, beispielsweise durch die Eltern, kann diese angeborenen Fähigkeiten empfindlich stören.
- Die Verantwortung der Eltern liegt vielmehr in der Bereitstellung und Zubereitung gesunder Nahrungsmittel.
- Den Kindern sollte die Entscheidung überlassen werden, welche und wieviele (gesunde) Nahrungsmittel sie im Rahmen einer Mahlzeit essen wollen.
- Benutzt man Lebensmittel als Belohung (z.B. Eis als Nachspeise) oder Drohung (s.o.), wird ihnen von den Kindern ein besonderer Stellenwert eingeräumt.
Bisweilen fehlen noch großangelegte Langzeitstudien über die Auswirkungen der frühkindlichen Ernährungserziehung auf das spätere Essverhalten. Die vorhandene Datenlage, lässt jedoch vermuten, dass hier die ersten Grundsteine zur Entwicklung von Übergewicht bei Kindern gelegt werden.
Orrell-Valente JK, Hill LG, Brechwald WA, Dodge KA, Pettit GS, Bates JE. »Just three more bites«: an observational analysis of parents‹ socialization of children’s eating at mealtime. Appetite. 2007 Jan;48(1):37-45. Epub 2006 Sep 26.
Weiterführende Literatur: Abnehmen mit obeldicks und optimix. Der Ratgeber für Eltern übergewichtiger Kinder
Fußballspielen ist gesünder als Joggen
Diätprodukte führen möglicherweise zu Übergewicht
Ernährung im Kindesalter
Wie Kinder ihre Nahrungsmittel beurteilen
Neuer Risikomarker für übergewichtige Kinder entdeckt
Am 21. Januar 2009 um 17:39 Uhr
Hallo!
Ich schreibe grad an einer FBA und dafür bräuchte ich den autor dieses artikels!! Wäre voll net wenn ihr mir den per email schicken würdet!!
glg Ingrid
Am 24. Januar 2009 um 15:57 Uhr
steht doch da: ich