Eine molekulare Betrachtung von Schokoladeliebhabern

14. Oktober 2007

Schokolade und MetabonomicsChocolatiers teilen die Menschen in zwei Arten ein: Solche, die Schokolade lieben und solche, die das nicht tun. Obwohl diese Betrachtungsweise denkbar einfach ist, steckt doch ein Funken Wahrheit darin. Zwar ernähren sich Schokoladeliebhaber nicht zwangsweise ungesund, dennoch gibt es viele unter ihnen, die ihr Leben lang gewissenhaft jede Ernährungsempfehlung ignorieren und sich bester Gesundheit erfreuen. Auf der anderen Seite gibt es eine Gattung Mensch, dessen Cholesterin schon beim puren Betrachten eines Steaks zu steigen beginnt. Doch was ist die Ursache dafür? Wissenschaftler machten sich genau über diese Frage Gedanken und gründeten neuen Wissenschaftszweig der »Nutrimetabonomics«.

Metabonomics und Nutrimetabonomics

Unter Metabonomics versteht man eine Fachrichtung, die den Stoffwechsel mittels entsprechenden Markern in Blut und Urin mit der Wirkung von Medikamenten in Verbindung setzt. Sunil Kochhar und seine Mitarbeiter des Nestlé Forschungszentrums gründeten mit den Nutrimetabonomics einen Ableger dieser Wissenschaft. Sie erforschen die Auswirkungen der Ernährung auf den Stoffwechsel und die Gesundheit. Es geht dabei jedoch nicht darum, ausgeprägte Krankheitsbilder zu verstehen, sondern vielmehr um die kleinen, unangenehmen Wehwehchen wie Bauchzwicken, Blähungen, Unwohlsein oder leichte Entzündungen. Mit diesen Symptomen geht man üblicherweise nicht zum Arzt – und tut man es doch, bekommt man kein adäquate Therapie.

Ernährung ist ein möglicher Ansatz, um mit diesen »Krankheiten« umzugehen. Leider gestaltet sich dieses Vorhaben sehr schwierig – zumindest auf wissenschaftlicher Ebene. So sind die Änderungen im Stoffwechsel als Antwort auf bestimmte Lebensmittel wesentlich geringer ausgeprägt und somit schwerer nachweisbar als bei der Gabe von Medikamenten.

Schokolade oder keine Schokolade, das ist hier die Frage

Basierend auf einer Umfrage an 75 Männern selektierten Kochhar und sein Team 22 Probanden – die Hälfte waren Schokoladeliebhaber, den anderen war Schokolade mehr oder weniger egal. Frauen wurden aufgrund des Einflusses der monatlichen Hormonschwankungen auf die Ernährungsvorlieben nicht in die Studie miteinbezogen. Die Probanden erhielten an unterschiedlichen Tagen entweder 50 g Schokolade oder 50 g Brot. Blutproben wurden nach der Zufuhr der entsprechenden Lebensmittel abgenommen und tägliche Urinproben gesammelt.

Bei Analyse der Blutproben zeigte sich, dass die Schokolade-neutralen Probanden höhere LDL Werte (=schlechtes Cholesterin) aufwiesen als die Schoko-Liebhaber. Letztere hatten dagegen höhere Albuminspiegel, ein Protein, das unter anderem für die Bindung und den Transport von freien Fettsäuren im Blut zuständig ist. Erhöhte Werte von Carnitin und N-acetyl-carnitin im Blut der Schokolade-neutralen Gruppe führten die Wissenschaftler auf Unterschiede im Fettstoffwechsel zurück.

Auch im Urin zeigten sich einige Unterschiede zwischen den Probandengruppen. So fanden sich beispielsweise im Blut der Schokoladeliebhaber höhere Spiegel der Stoffwechselprodukte Phenylacetylglutamin und Citrat. Die Forscher interpretierten diesen Umstand dahingehend, dass die Schokoholics möglicherweise eine etwas andere Verstoffwechselung (Citratzyklus) aufweisen als jene Personen, die nicht jeden Tag ihre Dosis Schokolade benötigen. Zu guter Letzt zogen die Wissenschaftler aufgrund weiterer Parameter im Urin (Niacin, 4-hydroxyphenylacetat und 2-hydroxyhippurat) auch Rückschlüsse auf die Darmflora. Diese soll in Zusammensetzung, Funktionalität bzw. Interaktion mit dem Wirt wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Probandengruppen aufweisen.

Kochhar zieht aus den Ergebnissen den Schluss, dass die spezifische, sich im Laufe des Lebens stets wiederholende Ernährung eines Menschen zu einer Art metabolischer Prägung des Körpers und der assoziierten Mikroflora (z.B. Bakterien des Darms) führe. Dieser Umstand könne sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben. Um die positiven Effekte auszunutzen, müsse man herausfinden, wie die individuelle Darmflora beeinflusst werden könne. Mit diesem Wissen könne später die adäquate Ernährung kreiert werden.

Kritik

Die Studie ist mit Design und Signifikanz der Ergebnisse natürlich weit entfernt von einer ernstzunehmenden Publikation. Es kommt die Tatsache hinzu, dass das Nestlé Forschungszentrum wohl nicht ganz frei von eigenen Interessen ist. Schokolade mit hohem Kakaoanteil ist zwar gesund, aber nicht die hier getestete Vollmilchschokolade mit eher geringem Kakao- und hohem Fettanteil. Dennoch ist das LDL bei den Nicht-Schokoladeessern laut Studie höher. Das hängt wohl zu einem Großteil von der restlichen Ernährung ab, da hilft auch die 5tägige Diät während der Studie nicht. Zudem war die Auswahl der Probanden selektiv (man erinnere sich an den Fragebogen) und nicht randomisiert? Ein Schelm, wer böses dabei denkt. Übrig bleibt weiters die Frage, wie die anderen Fettparameter im Blut aussahen, denn ein niedriges LDL allein ist noch lange kein Garant für ein gesundes Fettprofil.

Abgesehen davon ist das Resultat der Studie kein wirklich weltbewegendes. Auf den Punkt gebracht ist die Message folgende: Die Ernährung eines Menschen hat Einfluss auf seinen Körper und Stoffwechsel. Diese Erkenntnis reiht sich ausgesprochen gut in die lange Liste der »Hm, ja, irgendwie logisch, oder? Aber gut, dass wir darüber gesprochen haben« -Studien ein.

Kochhar S. A molecular picture of chocoholics. Journal of Proteome Research, Vol. 6, No. 11, 2007

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Eine Reaktion zu “Eine molekulare Betrachtung von Schokoladeliebhabern”

  1. Horst (Blog ohne Diät)

    Danke, vor allem für den letzten Absatz (Kritik).

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