Den Ernährungsgelüsten von Schwangeren auf der Spur
30. April 2007
Viele Frauen stellen in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft plötzlich völlig unbekannte Vorlieben in ihrer Ernährung fest. So wird Senf auf einmal nicht nur in klassischer Weise zum Würstchen gegessen, sondern kommt als Brotaufstrich neben Marmelade oder anderen, völlig unpassenden Geschmäckern zu neuen Ehren. Ob nun Süsses oder Saures die Geschmacksnerven zum Narren hält ist von Frau zu Frau unterschiedlich.
Ausserdem erwachen aus heiterem Himmel starke Aversionen, zum Beispiel gegen Fleisch oder den ansonsten gern getrunkenen Kaffee. Bislang ist nicht genau geklärt, warum bei etwa jeder zweiten Schwangeren der Appetit solch groteske Kapriolen schlägt. Es spielen bis zu einem gewissen Grad die hormonellen Veränderungen, vor allem in der frühen Schwangerschaft, eine wesentliche Rolle, denn sie beeinflussen neben der Schwangerschaft an sich auch zahlreiche Botenstoffe für Appetit- und Sättigungsreize.
Auf einen anderen Zusammenhang konzentrieren sich Studien, die sich mit »Pica« beschäftigen. Pica ist eine Appetitstörung, definiert als »spezifische Essstörung, welche in der anhaltenden, dranghaften Einnahme besonderer Substanzen und Objekte besteht«. Menschen, die an dieser psychischen Krankheit leiden, essen beispielsweise Erde, Mehl und Würmer oder entwickeln einen Appetit auf Haare und Glühbirnen.
Natürlich ist die Lust auf Gurken der Schwangeren nicht gleichzusetzen mit dieser sehr seltenen Appetitstörung. Die Ursachen von Pica scheinen jedoch für die Erklärung der besonderen Schwangerschaftsgelüste von Interesse. Bei einigen Pica-Kranken wurde ein Eisenmangel festgestellt, der insofern zu Appetitveränderungen führen soll, als dass der Körper einige Appetit-Botenstoffe nur mit Hilfe des Eisens aufbauen kann und die Synthese durch den Mangel gestört wird. Eisen ist beispielsweise an der Produktion von wichtigen Neurotransmittern wie Dopamin und Noradrenalin beteiligt.
Ganz besonders Schwangere weisen einen doppelt so hohen Eisenbedarf auf wie die restliche weibliche Bevölkerung. Da aber viele Frauen bereits daran scheitern, den einfachen Bedarf an Eisen zu decken, geschweige denn den Bedarf in der Schwangerschaft, funktionieren in diesen eisenzehrenden neun Monaten die Nervenschaltungen im Hunger- und Sättigungszentrum nicht mehr störungsfrei. Eventuell essen deshalb viele Schwangere besonders gern saure Früchte und trinken Fruchtsäfte, denn das darin enthaltene Vitamin C verbessert die Resorption von Eisen aus der Nahrung.
Was auch immer die Günde für die Ernährungseskapaden in der Schwangerschaft sein mögen, sie führen in der Regel zu keinerlei Schäden bei Mutter oder Fötus.
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