Binge Eating und Übergewicht im Tiermodell
23. April 2007
Obwohl die als Binge Eating Disorder betitelte Essstörung häufiger vorkommt als Bulimie oder Anorexie, ist sie relativ unbekannt und fristet auch in der Welt der Wissenschaft noch ein stiefmütterliches Dasein. Laut aktueller Daten leiden bis zu 5% der amerikanischen Bevölkerung an dieser Krankheit. Die Betroffenen führen sich dabei in wiederholt auftretenden Essattacken Unmengen an Kalorien zu. Im Gegensatz zur Bulimie wird das Gegessene im Anschluß jedoch nicht wieder erbrochen, was letztlich bei vielen zur Entwicklung von Übergewicht mit all seinen Folgen führt.
Eine Studie der Universität von Alabama (Birmingham) machte es sich zur Aufgabe, in einem Tiermodell mit Ratten die individuellen Unterschiede im Ernährungsverhalten zu explorieren und diese im Hinblick auf Binge Eating und die Empfänglichkeit für Übergewicht näher zu betrachten. Die gesammelten Daten wollen die Forscher in Zukunft nutzen, um ein Modell zur Identifikation von Binge-Eating-gefährdeten Menschen zu entwickeln und frühzeitig präventive Maßnahmen einzuleiten.
Boggiano, der Leiter der Untersuchung, teilte die 120 weiblichen Ratten (Sprague-Dawley) in »binge-gefährdet« (BG) und »binge-resistent« (BR) ein, je nachdem welche Menge an Keksen die Ratten konsumierten, als ihnen herkömmliches Futter und Kekse angeboten wurden.
Obwohl BG- und BR-Ratten sich nicht in der Menge an konsumiertem, herkömmlichem Futter unterschieden, nahmen die binge-gefährdeten 50% mehr »Junk Food« (Kekse) zu sich als die binge-resistenten Ratten. Dieser Hang zu Junk Food schien jedoch nicht von der Art der Makronährstoffe abhängig zu sein, denn die BG-Ratten konsumierten nicht nur mehr Kekse (reich an Fett), sondern beispielsweise auch mehr Froot Loops® (reich an Kohlenhydraten).
Wurden die Ratten Stress ausgesetzt, reduzierten die binge-gefährdeten Ratten das herkömmliche Futter, jedoch nicht das Junk Food, während die BR-Ratten genau gegenteilig reagierten. Dieses Verhalten wird wahrscheinlich von denselben Mechanismen gesteuert, die Menschen mit der Binge Eating Krankheit bei Stress oder negativen Emotionen zu den ungewünschten Fressattacken zwingt.
In weiterer Folge wurden die Ratten beider Gruppen einer Diät mit hohem Fettanteil ausgesetzt. Es zeigte sich, dass etwa die Hälfte der Ratten aus BEIDEN Gruppen im Rahmen dieser Diät eine Adipositas entwickelte. Somit scheint die Empfänglichkeit für die Entwicklung von Übergewicht unabhängig vom Vorhandensein einer Binge Eating Erkrankung zu sein. Interessanterweise entwickelten die Ratten, als ihnen normales Futter und Kekse angeboten wurde, nicht in dem Ausmaß Übergewicht, wie sie das bei der darauffolgenden, fetthaltigen Diät taten. »Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass die Kontrolle über die Kalorienzufuhr mit fettarmen Lebensmitteln und gelegentlichen Snacks leichter zu sein scheint als mit fettreichen Speisen ohne Snacks«, meinte Boggiano in seiner Interpretation der Studie.
Diese Ergebnisse werfen einige interessante Blickwinkel auf die Binge Eating Essstörung, wenngleich die Übertragung der Daten von Ratten auf den Menschen natürlich vielen Einschränkungen unterliegt.
Boggiano MM, Artiga AI, Pritchett CE, Chandler-Laney PC, Smith ML, Eldridge AJ. High intake of palatable food predicts binge-eating independent of susceptibility to obesity: an animal model of lean vs obese binge-eating and obesity with and without binge-eating. Int J Obes (Lond). 2007 Mar 20; [Epub ahead of print] [Link]
Binge Eating häufiger als Anorexie oder Bulimie