Bestimmte Supplemente fördern aggressiven Prostatakrebs
03. Februar 2008
Der Markt ist voll von frei erhältlichen Hormonpräparaten, vor allem das Internet eröffnet diesbezüglich ein breites Spektrum an mehr oder minder legalen Bezugsmöglichkeiten. Versprochen werden Muskelwachstum, gesteigerte Leistungsfähigkeit und Hilfe bei Potenzproblemen. Unglücklicherweise unterliegen diese Supplemente nicht den strengen Richtlichen medizinischer Präparate und so tummeln sich viele Produkte mit falscher und/oder fehlender Deklaration der Inhaltsstoffe, Verunreinigungen und möglicherweise gezielten Irreführungen. Diverse qualitative und quantitative Untersuchungen von Supplementen, z.B. durch die Sporthochschule Köln, konnten das bereits eindrucksvoll bestätigen. Dass sich hinter den genauso fantasievollen wie erfolgsversprechenden Produktnamen sogar lebensbedrohliche Mixturen verbergen können, beweist nun ein aktueller Fallbericht (publiziert im Clinical Cancer Research).
Eine amerikanische Forschergruppe begann hellhörig zu werden, als bei zwei Patienten innerhalb von wenigen Monaten aggressiver Prostatakrebs diagnostiziert wurde. Die betroffenen Männer hatten in etwa zur gleichen Zeit mit der täglichen Einnahme eines bestimmten Supplements begonnen (im weiteren Supplement X genannt).
Der erste Patient, ein 67-jähriger Mann, wurde wegen Husten, häufigem Harndrang, Appetitverlust und einer Gewichtsabnahme von ca. 20kg vorstellig. Innerhalb der letzten beiden Jahre wurden zwei Prostatauntersuchungen mit unauffälligem Ergebnis durchgeführt. Der aktuelle Wert des sog. prostataspezifischen Antigens (PSA), ein nicht ganz unumstrittener Tumormarker in der Früherkennung des Prostatakrebs, schnellte aus dem Normbereich (2,5-10ng/ml) bis auf 74ng/ml hinauf. Neben dem primären Prostatakrebs wurden Metastasen (Absiedelungen) in beiden Lungen und mehreren Knochen gefunden.
Besagter Patient hatte 10 Monate vor Beginn der ersten Beschwerden mit der Einnahme von Supplement X entsprechend den Herstellerempfehlungen begonnen. Ziel waren Muskelaufbau und Potenzsteigerung. Tatsächlich baute er initial ca. 5kg Muskelmasse auf, welche er daraufhin jedoch schnell wieder verlor.
Der andere Patient war ein 51jährigeer Afro-Amerikaner. Auch bei ihm fiel im jährlichen Screening ein zu hoher tPSA Wert (21,7 ng/ml) auf, während die letzten Jahresuntersuchungen unauffällig waren (1,5ng/ml vor 4 Jahren, 2,3 ng/ml vor 2 Jahren und 2,1 ng/ml vor einem Jahr). Metastasen wurden in beiden Lungen, in der Wirbelsäule und Lymphknoten gefunden.
Bei diesem Patienten wurde die übliche Standardtherapie in Form einer Androgenblockade mit Goserelin (Zoladex) und Bicalutamid (Casodex) durchgeführt. Dadurch wird sowohl die Produktion als auch das Andocken von Testosteron an die entsprechenden Rezeptoren verhindert. Nachdem das PSA drei Monate nach Beginn der Behandlung auf 1,3 mg/ml gesunken war, stieg es im Laufe der nächsten 15 Monate wieder auf 23,7 ng/ml an.
Wie auch Patient #1 begann der Mann etwa 11 Monate vor seiner verheerenden Diagnose mit der Supplementation des Hormonpräparates. Gekauft hatte er es im Internet, nachdem er eine entsprechende Anzeige in einem Fitnessmagazin gelesen hatte. Obwohl er in den ersten drei Monaten knappe 10kg Körpermasse zulegen konnte, verlor auch er das erkämpfte Gewicht im Eiltempo.
Was waren nun die Ursachen für ein derart rasches Wachstum der Prostatazellen? Abgesehen von der Tatsache, dass insbesondere bei afroamerikanischen Männern aggressivere Formen von Prostatakrebs nicht so dermaßen selten sind, spielen Mutationen des Androgenrezeptors eine wichtige Rolle. Bei keinem der Patienten konnte jedoch eine derartige Mutation nachgewiesen werden.
In einer Reihe von Experimenten fanden die Forscher heraus, dass Supplement X zu einem dosisabhängigen Wachstum der androgen-sensitiven Tumorzellen in Zellkulturen führte. Dabei war das Wachstum ausgeprägter in Anwesenheit von Supplement X als in bloßer Anwesenheit von Testosteron. Weiters – und das verwirrt etwas – auch das Wachstum von androgen-resistenten Tumorzellen stimuliert! Neben Testosteron und den anderen hormonellen Bestandteilen von Supplement X, welche für das Wachstum der androgen-sensitiven Tumorzellen verantwortlich waren, musste also ein weiterer Bestandteil als universeller Stimulator des Tumorzellwachstums fungieren. Das könnte erklären, warum die antiandrogene Therapie bei den Betroffenen keine ausreichende Wirkung zeigte. Diesbezüglich wäre ein Versuch an Tumorzelllinien anderer Organe interessant gewesen. Leider wurde dieses Setting nicht getestet.
Bei besagtem Hormonsupplement waren pro Portion folgende Inhaltsstoffe deklariert:
- 60 mg einer Mixtur aus sechs verschiedenen Testosteronvorstufen (Androstenedione und Androstenediole)
- 100 mg Chrysin
- 100 mg gemahlenes Elchgeweih
Das Flavonoid Chrysin wird von Bodybuildern gerne benutzt, da es die Aromatisierung (Umwandlung) von Testosteron/Vorstufen zu Östrogen verhindern soll. Gemahlenes Elchgeweih gilt als alternative Behandlungsmethode bei Potenzproblemen und Infertilität (dessen Wirksamkeit in placebokontrollierten, randomisierten Studien wohl nicht ganz überraschend widerlegt werden konnte). In einer von der Chiron Corp. Diagnostic durchgeführten Analyse des Hormonsupplements wurde Testosteron- und Östrogenanteile in wahllosen und nicht deklarierten Konzentrationen gefunden.
Für die Anwender solcher Produkte wäre die Herausgabe der Identität von Supplement X von großer Bedeutung. Liest man zu diesem Thema in amerikanischen Diskussionsforen, taucht immer wieder der Name Teston-6 auf. Dafür würde sowohl die Zusammensetzung der Inhaltsstoffe als auch die Tatsache, dass das Produkt nicht mehr im Handel erhältlich ist, sprechen. Es sei hier jedoch nochmals ausdrücklich darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um reine Spekulationen handelt!
Die Studienautoren heben abschließend hervor, dass sich durch die beiden Fallberichte keinesfalls eine beweisende Kausalität zwischen der Einnahme des Supplements und der Entstehung von Prostatakrebs ergäbe. Nichtsdestotrotz sind diese Ergebnisse sehr bedenklich, gerade in Hinsicht auf die oft wahllose und ungehemmte Einnahme solcher Produkte schon im jugendlichen Alter. Wie eingangs bereits angeschnitten konnten selbst bei an und für sich harmlosen Eiweißprodukten Spuren von Verunreinungen in Form von Hormonvorstufen nachgewiesen werden – diejenigen Stoffe also, die möglicherweise ein hohes krebsauslösendes Potential beherbergen. Mein Tipp: Supplemente jeglicher Form möglichst meiden! Die meisten der oft völlig überteuerten Produkte halten ohnehin in keinster Weise das, was sie versprechen. Im Kontrast dazu ist das gesundheitliche Risikopotential aufgrund der fehlenden Kontrollen ungleich höher.
Shariat SF, Lamb DJ, Iyengar RG, Roehrborn CG, Slawin KM. Herbal/Hormonal dietary supplement possibly associated with prostate cancer progression. Clin Cancer Res. 2008 Jan 15;14(2):607-11.
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Am 4. Februar 2008 um 19:54 Uhr
Daß die Supplementeindustrie skrupellos ist, habe ich mir schon lange gedacht. Hier steckt einfach zuviel Geld drin. Aber die zwei Fallberichte setzen dem Ganzen die Krone auf!!!! Es wird Zeit, daß die Supplementehersteller und deren Produkte auf Herz und Nieren überprüft werden, dann würde sich endlich die Spreu vom Weizen trennen. Man bekommt derzeit minderwertigste, sogar gefährliche Produkte (wie man sieht) um sündteures Geld. Testosteronbooster, Prohormone und sogar handfeste Anabolika sind meiner Meinung nach viel zu einfach zu bekommen. Nicht umsonst scheint Doping mittlerweile zum guten Ton in den Studios zu gehören. Aus hühnerbrüstigen Discopumpern werden auf diese Weise schnell hühnerbrüstige Discopumper mit Akne, Brüsten und vergrößerten Prostatas. Das eigentliche Training scheint nicht mehr wichtig zu sein. Am schlimmsten finde ich die Entwicklung mit dem Öl, das sich manche in die Muskel spritzen (Synthol). Aber das steht wieder auf einem anderen Blatt.
Guter Beitrag übrigens, weiter so!
Am 5. Februar 2008 um 10:06 Uhr
wer supplemente kauft ist selber schuld, reine abzocke das ganze. ich war früher auch ganz versessen darauf aber mit der zeit habe ich gelernt daß es ohne den ganzen kram genauso gut geht.
was ich da oben lesen muss ist wirklich ein hammer, diese verbrecherbande gehört eingesperrt. ich finde es unverantwortlich da0 solche produkte ohne kontrollen auf die menschheit losgelassen werden, wo doch in der heutigen zeit alles und jeder kontrolliert wird.
fred